Das Ende kommt von unten!

Erlebnisbericht eines Straßenmusikers. (Verfasser ist der Redaktion bekannt)

Straßenmusiker haben in Deutschland eine lange Tradition, die nicht erst mit den umherwandernden Sangeskollegen eines Walther von der Vogelweide begann. Auch zu jener Zeit zogen neben allerlei Minnesängern und Gaucklern schon Zigeuner durch die dünn besiedelten Lande, Doch bleiben wir bei den deutschen Straßenmusikern. Sowohl nach dem Ersten wie nach dem Zweiten Weltkrieg blieb vielen, häufig versehrten, musikalisch begabten Kriegsveteranen gar nichts anders übrig, als Straßenmusik zu machen. Und wer kein Instrument beherrschte, der wurde eben Leierkastenmann. Reich wurden Straßenmusiker nie, doch sie genossen eine gewisse Achtung; und wer geben konnte, warf gern einen Pfennig oder einen Groschen in den Hut. Diese Achtung vor dem „Beruf“ des Straßenmusikers konnte z.B. die kinderreiche „Kelly-Family“ noch erfahren, deren Auftritte in lärmenden Innenstädten oft zu kleinen, umjubelten Konzerten gerieten.

Doch diese Zeit ist vorbei!

Adventszeit – das ist die Zeit von Hektik und Kommerz, von vollen Innenstädten, von Glühweingerüchen und Weihnachtsmärkten. Für einen Straßenmusiker doch ideal, dachte ich mir. Letztmalig darauf angewiesen, auf der Straße zu spielen, war ich Ende der Neunziger. Ich wohnte seinerzeit in Göttingen, und immer, wenn das Geld vor dem Monat zu Ende war, stellte ich mich in die Haupteinkaufsstraße der kleinen Stadt. Meist reichten zwei, drei Stunden, dann hatte ich zwischen 15 und 30 Mark zusammen, das genügte in jedem Fall für den Einkauf im Supermarkt. Ausschließlich davon leben hätte ich gewiß auch damals nicht können, doch es war ein guter Nebenerwerb.

Ich erinnere mich genau an den letzten Abend des Göttinger Weihnachtsmarktes. Dort hatte ich innerhalb von gut zwei Stunden nicht nur diverse Glühweine und eine Pizza erspielt, sondern auch glatte 135 D-Mark – Weihnachten war gerettet. Meine heutige Situation ist eine andere. Als Frührentner habe ich trotz Schulden ein bescheidenes Auskommen dank weitestgehendem Verzicht auf Konsum und Teilnahme am kulturellen Leben. Aber ich will nicht jammern. Jedenfalls beschloß ich, es erneut auf der Straße zu versuchen, um die pekuniäre Misslage vor den Feiertagen ein wenig zu mildern. Großartig Gitarre und Singen üben musste ich nicht, da ich seit einigen Jahren in einer Rentnerband aktiv bin. Voller Optimismus fuhr ich also am Freitag, dem 13. in die Landeshauptstadt.

Kaum aus dem Hauptbahnhof heraus, fiel mir die große Zahl der Bettler auf, die wie ich auf die weihnachtliche Spendierfreudigkeit der Menschen gesetzt hatten. Besser gesagt – die „Omnipräsaenz“ osteuropäischer oder auch asiatischer Profibettler. Es gibt verschiedene Typen dieser Spezies, die Mitglieder dieser Bettelbanden haben unterschiedliche Rollen.

Den besten Platz, eine durch eine Bauschutzwand bedingte Verengung eingangs der Hauptgeschäfts-Fußgängerzone, hatte ein „Spastiker“ besetzt. Ich bin kein Mediziner, deshalb weiß ich natürlich nicht genau den Namen der Krankheit, die diese ärmlich gekleidete, mit verdrehten Beinen, rollenden Augen und wippendem Oberkörper wild gestikulierende Kreatur befallen hatte. Wie schaffte er es nur, seinen Sammel-Pappbecher trotz seiner unkontrolliert zappelnden Arme den Passanten, die ihm nicht ausweichen konnten, direkt unter die Nase zu halten?

Einige seiner tänzerisch weniger begabten Berufskollegen knieten etwa alle 25 Meter einer Gottesanbeterin gleich als starr-stumme Demuts-Pappsammelbecherhalter. Respekt, die hätten echte Chancen bei jedem Pfahlsitzwettbewerb. Diese Aufgabe übernahmen in der Regel die häßlicheren, teils verkrüppelt scheinende Exemplare dieser Gattung. Oder verhärmte Mütter mit scheinbar ebenso starren, erbärmlichen Säuglingen (früh übt sich?). Deutschen Müttern, die mit ihren auf derart merkwürdige Art ruhig gestellten Kleinkindern stundenlang inmitten einer Fußgängerzone reglos auf einer Pappunterlage vegetieren würden, hätte das Jugendamt sicher längst das Sorgerecht entzogen.

Dort, wo sich die potentiellen Geldgeber sammelten, also an den zahlreichen Glühwein- und Bratwurstständen, wurden „MBKs“ eingesetzt. Die Mobilen Bettel Kommandos waren in zwei Gruppen eingeteilt. Die eine bestand aus jüngeren, im weitesten Sinne „hübscheren“ Pappsammelbecherhalterinnen. Diese Damen trugen Kopftuch und eine Art Sonntagsbetteltracht, zogen von Tisch zu Tisch und durch die Reihen der Passanten, von denen sie mehr oder weniger forsch mit zwei Worten Deutsch („Gebbe Geld“) Almosen forderten.

Das zweite MBK war ein männliches Trachten-Quartett und auf ähnliche Weise in der Menschenmenge unterwegs, allerdings gingen sie immer in einer Reihe direkt hintereinander her. Der Frontmann blies dabei auf irgend einer Tröte, ihm folgte ein Rhythmus gebender Trommeltyp, Nummer Drei hielt die obligatorische Ziegeunerfiedel und den Abschluß bildetete – wie sollte es anders sein – der Sammelpappbecherhalter.

Ergänzend plazierten sich abwechselnd an strategisch günstigen Einsatzplätzen diverse, vermeintlich einzelunternehmerisch tätige Berufsbettler verschiedener Sparten. Es gab den kirgisichen Ziegenledersackdudler, den fröhlichen Quetschkommoden-Pustamelodienspieler, Bauchhändler aller Art und viele weitere mehr.

Schon um mich von diesen armen Menschen abzugrenzen, hatte ich mich schick angezogen und mir eigens ein Straßenmusikmobil (‚hab‘ Rücken‘) gebastelt. Acht Stunden lang versuchte ich es immer wieder an einem anderen Platz, gab alles, sang deutsch, englisch, textete spotan, vertonte Gedichte aus „Besternte Ernte“; ja, ich hatte eigens noch ein paar Weihnachtslieder („Süßer die Glocken nie klingen“) eingeübt. Doch alles nutzte nichts. Denn die Menschen, denen ich mit meiner Musik ein wenig Freude bereiten wollte, damit sie mir ein wenig (natürlich auch monetäre) Freude bereiten sollten, waren nicht nur wegen meiner Mitbewerber genervt; die meisten von ihnen hatten sich ohnehin schon von dieser Welt verabschiedet und lebten mit ihren Smartphones auch auf der Straße ihr virtuelles Leben weiter.

Für den größten Teil der Weihnachtskundschaft erschien ich wohl ebenso nur als weiteres Mitglied der Almosen-Mafia, wie für die Geschäftsleute, die mehr als einmal einen ihrer (meist türkischen) „Secruty“-Mitarbeiter sandten, um mich aufzufordern, vom Schaufenster Abstand zu halten. Finanziell jedenfalls war dieser „Arbeitstag eines Straßenmusikers“ nach Abzug der Kosten für Verstärkerbatterien und Bahnkarte sowie dem Glühwein mit Schuß, den ich mir zum Feierabend zur Frustbewältigung (und wegen der Kälte) leistete, ein Minusgeschäft. Schönes neues Deutschland!

Doch mein Dank gilt trotzdem denen, die mir ein wenig lauschten und  das auch honorierten. In Erinnerung bleiben mir vor allem zwei alte deutsche Omis. Sie fragten mich erst, ob ich denn Deutscher sei und gaben gern, als ich bejahte.

Frohe Weihnachten.

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Über dorfschreiber

Mich interessiert, was ich nicht wissen soll! Rede- und Meinungsfreiheit sind oberstes Menschenrecht! Gedankenverbrechen gibt es ebensowenig wie Gesinnungsdelikte. Das geschriebene Wort ist keine Handlung, keine Tat, selbst wenn es andere dazu auffordert. Allein und ausschließlich der Leser trägt für sein Handeln, für den Umgang mit dem Gelesenen die Verantwortung. Dennoch gibt es Grenzen, auch bei der Meinungs- und Redefreiheit: Menschlichkeit und Anstand! Daran sollte sich jeder Schreibende halten, darum bemüht sich immer auch der "Dorfschreiber". https://dorfschreiber.wordpress.com/
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5 Antworten zu Das Ende kommt von unten!

  1. Mirko schreibt:

    Sehr geehrter Dorfschreiber,

    mein Name ist Mirko, 35 Jahre und wohne in Sachsen.
    Über den Blog „Sklaven ohne Ketten“ fand ich deinen Blog und habe inzwischen mehrere der Beiträge interessiert gelesen.

    Als Wahrheitssucher seit vielen Jahren vertrete ich ihre Ansichten in jeder Hinsicht. Besonders lobenswert ist ihre offene Ehrlichkeit und das Vertrauen ihre Leser, z.B. wegen der Preisgabe der Themen, bei denen sie bei der Eröffnung des Blogs noch falsch lagen (einige trafen auch auf mich zu, Obama war auch für mich ein Hoffnungsträger), das Einstellen eines Fotos sowie die Nennung des Wohnortes.

    Wie dem auch sei, sie haben mein Vertrauen gewonnen. Ihr Blog und die Beiträge vermitteln Offenheit, Ehrlichkeit und Sympathie. Und wieder verspüre ich den Wunsch, dass Menschen dieses Land vertreten sollten, welchen man diesen Respekt entgegenbringen kann.

    Sie verfügen offenbar über Lebenserfahrung und haben das Herz am rechten Fleck (rechten = richtigen, bitte nicht falsch verstehen), damit haben sie einen weiteren Leser gewonnen, möglicherweise erschließen sich mir dadurch neue Einsichten und Hintergründe.

    Ich wünsche Ihnen und ihrer Familie alles Gute! Liebe Grüße aus Pirna, Mirko.

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  2. dorfschreiber schreibt:

    Sehr geehrter Mirko,
    Ihren Kommentar hatte ich per Smartphone freigeschaltet, ihn aber erst jetzt gelesen. Vielen, vielen Dank für Ihre netten, ermutigenden Worte. Sie bedeuten für mich persönlich einen mehr als versöhnlichen Abschluß des Jahres 2013, das ja doch einige „Turbulenzen“ mit sich brachte.
    Mit den besten Wünschen für 2014 grüßt Sie der
    Dorfschreiber

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  3. Frieda schreibt:

    Hallo lieber Dorfschreiber,
    komme grad von Fuerteventura zurück und will Dir noch einen guten Rutsch in ein gesundes und friedliches Jahr 2014 wünschen. Lieben Gruß von Frieda

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