Nachrichten aus der Welt der Geldvermehrung und Steuervermeidung

Bei meiner täglichen Informationssuche im Weltnetz stieß ich auf einen Beitrag von Vera Lengsfeld über ein neues Buch von Jan van Helsing und Hanno Vollenweider, der unbedingt Beachtung und Weiterverbreitung verdient, zeigt er doch einmal mehr die Verlogenheit von Politik und Finanzwelt – an der auch der neue „SPD-Kanzlerkandidat“ Martin Schulz nichts ändern werden dürfte:

 

Nachrichten aus der Welt der Geldvermehrung und Steuervermeidung

„Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles. Ach wir Armen!“ lässt Dichtergigant Goethe sein Gretchen seufzen. Tatsächlich nahm die Begegnung mit scheinbarem Reichtum für das Mädchen ein schlimmes Ende. Die Ohrringe erwiesen sich als gestohlen, bestraft wurde aber nicht der Dieb, sondern die unschuldige Verführte.

Goethe hatte natürlich nicht die Schweiz oder eines der anderen Geldparadiese im Auge. Der Kenner der Abgründe menschlicher Seelen konnte am Schicksal eines Dorfmädchens die Gefahr des schönen, aber falschen Scheins darstellen.

Heute sind es nicht Mephisto und seine Brüder, die Unheil bringen, sondern Menschen wie Du und ich. In einer offenen Gesellschaft kann jeder alles werden, so auch der Sohn eines ehrlichen Arbeiters ein Bank$ter. Was Bank$ter sind, erklärt Hanno Vollenweider in seinem gleichnamigen Buch mit dem treffenden Untertitel: „Wohin Milch und Honig fließen.“ Bank$ter ist nicht nur ein Synonym für kriminelle Bankangestellte, sondern der Begriff beschreibt die Akteure einer real existierenden Parallelgesellschaft der Geldvermehrungsindustrie: Banker, Berater, Juristen, Unternehmer, Journalisten und Politiker.

Vollenweider ging mit Anfang 20 nach Zürich, um Banker zu werden und das große Geld zu verdienen. Nach eher unbedeutenden Anlaufschwierigkeiten, wurde der junge Mann Teil dieser Parallelgesellschaft. Bereits mit 25 Jahren war er Mitinhaber einer kleinen, aber sehr effektiven Vermögens- und Unternehmensberatung, die sich auf Steuersparkonstrukte, Schwarzgeld und Geldwäsche spezialisiert hatte und seiner Schätzung nach etwa eine Milliarde Euro für ihre Kunden am Fiskus vorbeigeschleust hat.

Vollenweiders Buch, das er verfasst hat, weil er sich nach zehn Jahren entschloss, die Züricher Finanzblase zu verlassen, macht klar, dass Geld zu scheffeln eine anstrengende Knochenarbeit ist. Seine Schilderungen bestätigen George Orwells Vermutungen in „Erledigt in Paris und London“, dass sich das Leben der Clochards, der Plongeurs und Tramps dem der Geldjäger sehr ähnelt. Nur gehen die einen in Lumpen, die anderen in maßgeschneiderten Anzügen mit schwarzen Ledergürteln, schwarzen Schuhen und Seidenschlipsen ihrer Tätigkeit nach. In beiden Fällen ist die 80-Stundenwoche der Normalfall, es dreht sich neben der Jagd auf Geld alles ums Essen, Saufen, Drogen. Die einen dinieren in Sternerestaurants, was , wenn man weiß, wie es dort in den Küchen zugeht, gar nicht mehr beneidenswert ist und konsumieren ihr Übermaß an Alkohol in angesagten Bars, die andern frequentieren die Suppenküchen und Speisesäle der Heilsarmee und lassen sich auf der Straße volllaufen. Die Bank$ter sind immer im Dienst, werden auch nachts um drei von ihren Kunden angerufen. Die Tramps kommen in den Obdachlosenunterkünften auch selten zur Ruhe, weil sie von anderen Tippelbrüdern gestört werden. Die Geldjäger von ganz oben und von ganz unten haben ähnliche Lebenserwartungen. Sie erreichen selten das sechste Jahrzehnt. Ein Privatleben, das der Rede wert wäre, gibt es nicht. Die Welt wird durch ein ganz enges Raster wahrgenommen.

Einen ganz entscheidenden Unterschied gibt es dennoch: während die ganz unten hauptsächlich sich selbst schaden, richten die ganz oben immensen Schaden für die ganze Gesellschaft an. Wie sie das tun, beschreibt Vollenweider in aller wünschenswerten Offenheit. Das Buch liest sich wie ein Krimi, nur sind die beschriebenen Verbrechen keine, denn in der Welt der Geldvermehrung und der Geldwäsche ist alles legal, was nicht ausdrücklich verboten ist.

Aktuell hat sich wieder ein deutscher Kanzlerkandidat der Öffentlichkeit zu empfehlen versucht mit der Ankündigung, er wolle als Kanzler die Steuerschlupflöcher schließen. Vermutlich weiß Martin Schulz nicht genau, wovon er redet. Sein Vorgänger bei den Kanzlerkandidaten der SPD, Peer Steinbrück ist mit seinem Kampf gegen Steuerschlupflöcher grandios gescheitert. Am Ende ist das von ihm initiierte „Abkommen zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und der Bundesrepublik Deutschland über Zusammenarbeit in den Bereichen Steuern und Finanzmarkt“ an den Stimmen seiner eigenen Partei, sowie der Linken und den Grünen im Bundesrat am 23.11.2012 abgeschmettert worden. Dazu hatte Steinbrück selbst kräftig beigetragen, denn in mehreren Interviews hatte er dazu aufgerufen, das Abkommen nicht anzunehmen, weil die vorgesehenen Strafen nicht weit genug gingen. Also geht straflos alles weiter, wie gehabt.

Martin Schulz, wenn er seine Ankündigung ernst meinte, müsste sich seinen Freund Jean-Claude Juncker zur Brust nehmen, der als luxemburgischer Finanzminister von 1989 bis 2009 für den Ausbau der Steueroase Luxemburg gesorgt hat. „Wenn es ernst wird, muss man lügen“, sagte Juncker 2011 mitten in der Eurokrise, ohne dass dies ein Hindernis gewesen wäre, ihn zum Präsidenten der Europäischen Kommission zu machen.

Als Juncker gefragt wurde, „was er davon hält, dass sein Land in den letzten Jahrzehnten weit über 350 multinationalen Unternehmen “spezielle“ und im höchsten Maße ausgeklügelte Steuer-Deals angeboten hat, damit jene Unternehmen in anderen Ländern weltweit… Milliarden über Milliarden an Steuerzahlungen umgehen können“, verweigerte er die Antwort „auf so ekelhafte Fragen“.

Wer wissen will, wie dubios die Praktiken der Wirtschaftsprüfungsunternehmen sind, muss Vollenweider lesen. Deutschland hat sich auch hier zum Vorreiter gemacht, indem es den Bock zum Gärtner kürte. Die Regierung Merkel hat komplett die Verantwortung für die Verteilung der Mittel aus dem Bankenrettungsfonds, „Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung“ mit einem Gesamtvolumen von fast 500 Mrd. Euro an die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC (PricewaterhouseCoopers International Limited) abgegeben, ohne öffentliche Ausschreibung. Das eigentlich zuständige Gremium aus Staatssekretären wurde kurzerhand entmachtet und dient nur noch als Camouflage. PwC war übrigens von 1995 bis 2004 für den mittlerweile zerschlagenen russischen Großkonzern Yukos tätig. War das eine Empfehlung für die Bundesregierung? Fest steht, dass damit ein Akteur, der maßgeblich zur massiven Schieflage von Bankensystem und Wirtschaft beigetragen hat, es nun richten soll. Dieser Skandal ging unbemerkt über die Bühne, weil unsere regierungstreuen Qualitätsmedien sich nicht dafür interessierten. Wetten, dass Steuerschlupfloch-Jäger Schulz diesen Deal nie thematisieren wird?

Die Regierung Obama war übrigens um keinen Deut besser als die Regierung Merkel. Präsident Obama meinte 2007 das größte Steuervermeidungsgebäude der Welt entdeckt zu haben, das Unglad House in George Town, der Hauptstadt von Grand Cayman. In dem Haus sollen 18 000 Firmen registriert sein. Obama übersah geflissentlich ein Gebäude im US-Bundesstaat Delaware, in dem 30 000 Firmen ihr Büro haben sollen. Obama sieht die Steuervermeidungssplitter der Anderen, aber nicht den Steuervermeidungsbalken im eigenen Land.

Fazit: Ohne die Komplizenschaft der Politik wäre die weltweite Steuerhinterziehung nicht möglich. Ab und zu wird dem Publikum zur Beruhigung ein Skandal präsentiert, z.B. die „Panama Papers“. Wenn man die Berichterstattung der Qualitätsmedien mit Vollenweiders Kennerblick betrachtet, fällt auf, dass die Namen großer Unternehmen, etwa dreißig, die meisten davon in Deutschland, die Offshore-Geschäfte in und um Panama betreiben, in den Artikeln der „Süddeutschen Zeitung“, dem Flaggschiff der Panama-Berichterstattung fehlen.

Warum das so ist?

„Nun, dann hätte man…gegen die eigenen Drahtzieher dieser riesigen, die ganze Welt umspannenden Betrügerei vorgehen müssen, nämlich die Politik, die solche Konstrukte zulässt und deren Nutznießer gewähren lässt. Das wiederum hätte eine Revolte gegen das Europa der Banken und Lobbyisten lostreten müssen… Das wacklige Konstrukt Europa mit seinen Sonnenkönigen Jean-Claude Juncker und Martin Schulz und unserer alternativlosen Führerin der Euro-Zone Angela Merkel würde die Revolte nicht überstehen. Die europäische Politik braucht die Steuerschlupflöcher und Offshore-Finanzplätze, um den wirtschaftlichen Karren in Europa so gut es geht am Rollen zu halten.“

Dank der Steuersparmodelle, die unter der Herrschaft dieses trio infernale realisiert werden können, gehen Europa 1000 Milliarden Steuern jährlich verloren. Es gäbe keine kaputten Straßen, Schulen oder Krankenhäuser mehr, keine Probleme mit der Pflege oder Rente. Nur einige Großunternehmen wären weniger reich.

Wetten, dass Martin Schulz gar nicht daran denkt, den von ihm mitverantworteten Status quo zu ändern?

Hanno Vollenweider: Bank§ter

 

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Über dorfschreiber

Mich interessiert, was ich nicht wissen soll! Rede- und Meinungsfreiheit sind oberstes Menschenrecht! Gedankenverbrechen gibt es ebensowenig wie Gesinnungsdelikte. Das geschriebene Wort ist keine Handlung, keine Tat, selbst wenn es andere dazu auffordert. Allein und ausschließlich der Leser trägt für sein Handeln, für den Umgang mit dem Gelesenen die Verantwortung. Dennoch gibt es Grenzen, auch bei der Meinungs- und Redefreiheit: Menschlichkeit und Anstand! Daran sollte sich jeder Schreibende halten, darum bemüht sich immer auch der "Dorfschreiber". https://dorfschreiber.wordpress.com/
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